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Kunst im Schatten des Marktes

„Früher war Wacken unser Zuhause. Heute fühlt es sich an wie ein riesiger Supermarkt mit Gitarren im Hintergrund.“ – „Der Spirit ist verloren, alles ist Kommerz. Wo wir einmal Freiheit gespürt haben, gibt es jetzt Sponsorenbühnen und Bierpreise wie im Luxushotel.“ – „Ich komme nicht mehr, nicht wegen der Musik, sondern weil ich mich wie ein Kunde fühle, nicht wie ein Teil einer Familie.“

Solche Stimmen hört man inzwischen auf den großen Festivals unserer Zeit, auch 2025. Was einst als wilde Zusammenkunft Gleichgesinnter begann – eine Wiese, ein paar Lautsprecher, der Duft von Regen und Feuerholz, Menschen, die sich umarmten, weil sie denselben Klang liebten – ist heute zu einem gigantischen Industriezweig gewachsen. Aus den kleinen, fast familiären Festen, in denen man noch mit der Band am Lagerfeuer saß, sind Massenevents geworden, die Zehntausende verschlingen wie anonyme Ameisenheere.

Wacken, einst ein verschlafenes Dorf, in dem die Musik das Zentrum war, gleicht heute einer Stadt aus Stahl, Merch-Ständen und VIP-Bereichen. Rock am Ring, das Festival, das Generationen prägte, ist zur Hochglanzmaschine mutiert, in der Bierpreise so hoch sind wie in Pariser Bars. Tomorrowland, mit seinen Bühnen wie Tempeln, wirkt nicht mehr wie ein Rave im Wald, sondern wie ein Jahrmarkt der Superlative, bei dem ein Ticket mehr kostet als ein Monatslohn.

Die Landschaft der Festivals hat sich verwandelt: Aus Festen der Gemeinschaft sind Tempel des Konsums geworden. Wo einst der Schweiß der Körper und die Leidenschaft der Musik den Boden tränkten, regieren heute Sicherheitszonen, Sponsoren-Logos und Ticketpreise, die das Versprechen von Freiheit nur für jene einlösen, die es sich leisten können.

Was sich an den Festivals zeigt, ist nur ein Spiegel dessen, was der Kultur insgesamt widerfährt. Das, was einst roh, frei und gemeinschaftlich war, wird verpackt, kalkuliert, optimiert. Musik, die den Rausch des Augenblicks gebar, wird in Sponsorenverträge gezwungen; Kunst, die aus innerer Not entstand, wird auf Auktionen versteigert; Worte, die ein Herz befreien wollten, werden in Algorithmen zerlegt. Die Festivals sind nur die grellsten Symbole eines größeren Wandels: dass Kultur, Kunst und Musik – jene elementaren Atemzüge des Menschlichen – längst vom Markt verschluckt und in Luxus verwandelt wurden.

Adorno und Horkheimer haben diesen Prozess bereits 1944 in der Dialektik der Aufklärung beschrieben:

„Unter der Herrschaft der Kulturindustrie ist alles gleich geworden.“

Was sie sahen, war eine Kultur, die nicht mehr befreit, sondern konsumiert wird. Eine Industrie, die Abweichung nicht zulässt, sondern standardisiert, damit es sich besser verkauft.

Walter Benjamin ergänzte wenige Jahre zuvor in seinem Essay Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit:

„Was im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit des Kunstwerks verkümmert, das ist seine Aura.“

Diese Aura – die Einmaligkeit des Augenblicks – ist auch das, was auf Festivals, in Museen, in der Popkultur verloren zu gehen droht. Wenn ein Konzert live gestreamt wird, wenn ein Song nur noch Track 27 einer Playlist ist, dann bleibt oft nur das Echo, nicht das Erlebnis.

Guy Debord ging noch weiter. 1967 sprach er in Die Gesellschaft des Spektakels:

„Das Spektakel ist das Kapital in einem solchen Grad der Akkumulation, dass es Bild wird.“

Ein Satz, der wirkt, als wäre er für unsere Gegenwart geschrieben: Festivals als Spektakel, Künstler als Marken, Musik als Ware im Abo-Modell.

Jean Baudrillard spitzte das Paradox zu:

„Wir leben nicht mehr in einer Welt der Realität, sondern in einer Welt der Simulation.“

Das vermeintliche „authentische Erlebnis“ ist längst Teil der Inszenierung. Die Freiheitsgeste der Festivals ist selbst eine Simulation, vermarktet, durchgestylt, optimiert.

Und Byung-Chul Han beschreibt in unserer Gegenwart, was daraus folgt:

„Die Kunst, die sich dem Imperativ der Kreativität beugt, verliert ihre Kontemplation. Sie wird zum Produktionsfaktor, zum Kapital.“

Der Künstler ist kein Prophet mehr, sondern ein Unternehmer seiner selbst. Kreativität ist nicht mehr Ausdruck, sondern Ressource.

So wird Kunst zur Ausnahme, wo sie das Elementarste sein sollte. Sie wird zum Schatz für jene, die zahlen können, statt zum Quell für jene, die dürsten. Sie wird zur Verzierung eines saturierten Lebens, während sie doch das Brot der Seele sein sollte. In dieser Umkehrung liegt die Tragik: Wir haben vergessen, dass Kultur kein Ornament, sondern Notwendigkeit ist, so notwendig wie das Atmen, das Lieben, das Leiden.

Und doch – es bleibt ein Widerstand. Leise, fast unsichtbar, wie das Rascheln einer Seite in der Nacht. Er lebt im Lied eines Kindes, im Strich eines Straßenmalers, in einer Stimme, die unvermittelt aus der Stille wächst. Er lebt in all den kleinen Momenten, in denen die Schönheit sich nicht kaufen lässt.

Darum, ihr Menschen dieser Zeit: wagt es, die Kultur zurückzuholen aus den Händen der Händler. Singt Lieder, ohne sie herunterzuladen. Malt Bilder, ohne sie verkaufen zu wollen. Sprecht Worte, ohne ihre Reichweite zu messen. Baut kleine Inseln – in Wohnungen, Straßen, Herzen –, wo das Lied noch Lied ist und das Bild noch Bild.

Denn ohne Kultur, ohne Kunst, ohne Musik verarmt der Mensch, selbst wenn er im Gold badet. Mit ihr jedoch – frei, ungezügelt, verschenkt – wird er reich, auch wenn er nichts besitzt.

Und es gibt sie noch, die Orte, die uns daran erinnern: Das Finkenbach-Festival oder Schnackerts-Jam im Odenwald etwa, klein, vertraut, voller Nähe. Kein Massenspektakel, sondern Feste der Gemeinschaft. Hier zählt nicht die VIP-Lounge, sondern das Gespräch unter Bäumen; nicht der Headliner, sondern die Freude an der Musik. Es ist ein Überbleibsel jener Zeit, als Kultur nicht Konsum war, sondern Heimat. Und es zeigt uns: Die Aura ist nicht verschwunden. Sie lebt, wenn wir es wagen, die Kunst nicht zu kaufen, sondern zu teilen.

Mehr zum Schnackert‘s Jam: https://schnackerts.org/

Mehr zum Finkenbach-Festival: https://www.finkenbachfestival.de/

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