Vision 2037: Wie eine politische Bewegung das Gefühl gesellschaftlicher Ohnmacht überwinden könnte – und warum dafür vielleicht nicht nur ein neues Programm, sondern eine neue politische Kultur notwendig wäre
Die ersten beiden Teile dieser Reihe handelten von einem Gefühl, das unsere Gegenwart stärker prägen könnte, als es Wahlergebnisse und Meinungsumfragen erkennen lassen: Ohnmacht.
Von einer Gesellschaft, die innerhalb weniger Jahrzehnte Finanzkrise, Terrorismus, Pandemie, Krieg, Inflation, Migration, Klimawandel, Digitalisierung und nun den rasanten Aufstieg künstlicher Intelligenz erlebt hat. Von Menschen, die täglich mehr über die Probleme dieser Welt erfahren, gleichzeitig aber immer weniger das Gefühl haben, auf diese Entwicklungen Einfluss nehmen zu können.
Der zweite Teil stellte deshalb die Frage nach der Selbstwirksamkeit. Was können Menschen selbst tun, was Arbeitgeber, Schulen, Medien und Politik?
Doch irgendwann führt diese Frage zwangsläufig zu den Parteien.
Denn Parteien sind in einer parlamentarischen Demokratie jene Organisationen, die gesellschaftliche Interessen aufnehmen, bündeln und in politische Entscheidungen übersetzen sollen.
Was aber, wenn gerade diese Verbindung nicht mehr ausreichend funktioniert?
Vielleicht besteht die politische Krise unserer Zeit nicht allein darin, dass Menschen mit einzelnen Entscheidungen unzufrieden sind.
Vielleicht glauben immer mehr Menschen, dass ihre Beteiligung ohnehin kaum etwas verändert.
Dann wäre die entscheidende politische Aufgabe nicht, die nächste bessere Kampagne zu entwickeln.
Sie wäre größer.
Politik müsste Menschen ihre politische Wirksamkeit zurückgeben.
Nicht für die Menschen. Mit ihnen.
Parteien haben sich daran gewöhnt, Lösungen anzubieten.
Sie entwickeln Programme, schreiben Anträge, veranstalten Parteitage, verhandeln Koalitionen und präsentieren anschließend ihre Ergebnisse.
Der Bürger darf auswählen.
Alle vier oder fünf Jahre setzt er sein Kreuz.
Dazwischen darf er zustimmen, protestieren, kommentieren oder Mitglied werden.
Das ist demokratisch.
Und trotzdem ähnelt dieses Verhältnis inzwischen erstaunlich stark dem Verhältnis zwischen Anbieter und Kunde.
Parteien produzieren politische Angebote.
Bürger konsumieren sie.
Wahlkämpfe verstärken diese Logik. Parteien untersuchen Zielgruppen, testen Botschaften, analysieren Milieus und versuchen herauszufinden, welches Thema bei welcher Bevölkerungsgruppe funktioniert.
Der Bürger wird zum politischen Marktsegment.
Vielleicht müsste eine Partei, die gegen gesellschaftliche Ohnmacht antreten möchte, genau diese Logik umkehren.
Nicht: Wir wissen, was gut für euch ist.
Nicht einmal: Vertraut uns, wir lösen das.
Sondern:
Kommt dazu. Lasst es uns gemeinsam herausfinden.
Das klingt wie eine freundliche Formulierung.
Tatsächlich wäre es ein radikaler Machtwechsel.
Das Bürgerbüro müsste wichtiger werden als die Parteizentrale
Eine solche politische Bewegung müsste dort beginnen, wo Menschen leben.
Nicht sechs Monate vor einer Wahl.
Immer.
Bürgerbüros könnten weniger wie Parteigeschäftsstellen aussehen und mehr wie öffentliche Räume: ein Tisch, Kaffee, vielleicht eine kleine Bibliothek, Veranstaltungen, Beratung, Diskussionen.
Menschen müssten dort keine Mitglieder sein.
Sie könnten mit einem Problem kommen, mit der kaputten Bushaltestelle, fehlenden Kita-Plätzen, komplizierten Verwaltungsverfahren, schlechten Busverbindungen, Einsamkeit im Alter, fehlenden Ärzten, einem Jugendtreff, der geschlossen werden soll, oder schlicht mit einer Idee für ihren Stadtteil.
Die entscheidende Regel wäre:
Nichts versprechen, was man nicht beeinflussen kann.
Stattdessen müsste Politik erklären: Das können wir entscheiden, dafür ist die Kommune zuständig, dafür das Land, dafür der Bund, dafür Europa, und darauf hat Politik vielleicht überhaupt keinen direkten Einfluss.
Auch das wäre Selbstwirksamkeit.
Denn Menschen benötigen nicht das Gefühl, alles bestimmen zu können.
Sie benötigen Klarheit darüber, wo sie etwas bewirken können.
Zuhören müsste ein politischer Prozess werden
Parteien behaupten regelmäßig, sie würden den Menschen zuhören.
Vielleicht müsste Zuhören deshalb messbar werden.
Ein Bürger bringt eine Idee ein.
Sie erhält eine Vorgangsnummer.
Andere können sie unterstützen, ergänzen oder kritisieren.
Dann geschieht etwas Entscheidendes: Man kann verfolgen, was daraus wird.
Geprüft, kommunal lösbar, an den Landtag weitergeleitet, abgelehnt, bereits umgesetzt, derzeit nicht finanzierbar.
Nicht jede Forderung wird erfüllt.
Das wäre auch keine Demokratie.
Aber keine verschwindet einfach.
Der Bürger erfährt dadurch etwas Fundamentales:
Meine Stimme bedeutet nicht automatisch, dass ich meinen Willen bekomme. Aber meine Stimme gelangt irgendwohin.
Vielleicht ist genau diese Erfahrung verloren gegangen.
Politik müsste wieder sprechen wie Menschen
Wer politische Pressemitteilungen liest, begegnet einer merkwürdigen Sprache.
Man „nimmt Sorgen ernst“, „setzt wichtige Impulse“, „stellt die richtigen Weichen“, „fordert mit Nachdruck“, „begrüßt ausdrücklich“ und möchte Menschen irgendwo „abholen“.
Diese Sprache soll professionell wirken.
Oft erzeugt sie Distanz.
Eine politische Bewegung des Jahres 2030 müsste deshalb eine andere Sprache entwickeln.
Einfach, aber nicht primitiv, emotional, aber nicht manipulativ, klar, aber nicht populistisch.
Ihr Grundsatz könnte lauten:
Wir sagen, was wir wissen, wir sagen, was wir nicht wissen, wir sagen, was wir wollen, und wir erklären, warum.
Dazu gehören Sätze, die im gegenwärtigen politischen Betrieb erstaunlich selten vorkommen.
„Wir haben das falsch eingeschätzt.“
„Diese Maßnahme funktioniert nicht.“
„Das wird teurer, als wir gedacht haben.“
„Dafür haben wir momentan keine gute Lösung.“
Oder sogar:
„Die andere Partei hatte in diesem Punkt recht.“
Solche Sätze erscheinen politisch gefährlich.
Vielleicht wären sie gerade deshalb glaubwürdig.
Eine Sprache ohne permanenten Ausnahmezustand
Auch das politische Wording müsste sich verändern.
Seit Jahren leben wir sprachlich im Ausnahmezustand.
Historische Krise, dramatische Lage, Kampf, Bedrohung, Zeitenwende, Schicksalswahl, Angriff auf unsere Lebensweise.
Manches davon ist berechtigt.
In seiner permanenten Wiederholung verliert es jedoch seine Bedeutung und erzeugt gleichzeitig jene Dauererregung, die gesellschaftliche Ohnmacht verstärkt.
Eine andere politische Sprache könnte Begriffe in den Mittelpunkt stellen wie Wirksamkeit, Freiheit, Sicherheit, Verlässlichkeit, Verantwortung, Würde, Teilhabe, Nachbarschaft, Vernunft, Zukunft und gemeinsames Handeln.
Nicht: „Wir retten Deutschland.“
Sondern: „Das ist das Problem, das ist unser Vorschlag, das kostet es, das sind die Nachteile, darüber möchten wir entscheiden.“
Nicht: „Nur wir können das.“
Sondern:
„Das können wir nur gemeinsam.“
Kampagnen müssten Fragen stellen
Vielleicht wäre die ungewöhnlichste Wahlkampagne eine, die zunächst kaum Forderungen enthält.
Auf einem Plakat steht nicht das Gesicht eines Spitzenkandidaten.
Dort steht:
Was fehlt in deiner Stadt?
Auf einem anderen:
Welche Regel macht dein Leben unnötig kompliziert?
Oder:
Was funktioniert in Deutschland besser, als wir darüber reden?
Was müsste Politik endlich verstehen?
Was würdest du verändern, wenn du morgen Bürgermeister wärst?
Darunter ein QR-Code.
Die Antworten landen nicht in einer Marketingdatenbank.
Sie werden veröffentlicht, geordnet, diskutiert und mit politischen Entscheidungen verbunden.
Aus einer Kampagne wird ein gesellschaftliches Gespräch.
Aus Zielgruppen werden Teilnehmer.
Social Media müsste vom Sendekanal zur Eingangstür werden
Natürlich würde eine solche Bewegung TikTok, Instagram, YouTube und andere Plattformen nutzen.
Aber vielleicht anders.
Politische Social-Media-Kommunikation funktioniert heute häufig nach derselben Logik wie Unterhaltung: Aufmerksamkeit gewinnen, Emotion erzeugen, Gegner zuspitzen, Reichweite maximieren.
Die demokratische Frage müsste jedoch lauten:
Was geschieht nach dem Like?
Unter einem Video könnte stehen:
„Welche drei Probleme sollen wir nächste Woche im Stadtrat ansprechen?“
Menschen antworten.
Eine Woche später erscheint das nächste Video.
„Ihr habt uns 1.842 Nachrichten geschickt. Das waren die häufigsten Probleme. Bei zwei davon können wir unmittelbar handeln. Beim dritten nicht. Hier erklären wir warum.“
Plötzlich besitzt Social Media eine Rückkopplung.
Der Kommentar wird zum Beginn eines politischen Prozesses.
Nicht Reichweite wäre der wichtigste Messwert.
Sondern Wirkung.
Politiker müssten dorthin gehen, wo sie nicht gewählt werden
Politiker besuchen gern Veranstaltungen, auf denen viele Menschen sitzen, die ihnen ohnehin zustimmen.
Eine Bewegung gegen gesellschaftliche Ohnmacht müsste das Gegenteil tun.
Ihre Vertreter müssten regelmäßig jene Orte besuchen, an denen sie besonders schlecht abschneiden.
Nicht mit Kamerateam und vorbereiteten Fragen.
Sondern zum Zuhören.
Vielleicht gäbe es eine einfache Regel: Jeder Abgeordnete verbringt regelmäßig einen Abend mit Menschen, die seine Partei überwiegend nicht wählen.
Die erste Stunde verteidigt er keine einzige eigene Position.
Er fragt.
Warum glauben Sie das?
Wann haben Sie Vertrauen verloren?
Was erleben Sie anders als ich?
Was müsste passieren, damit Sie Ihre Meinung ändern?
Vielleicht würde Politik dadurch wieder etwas erfahren, das keine Fokusgruppe vollständig erfassen kann:
wie sich das Leben außerhalb der eigenen politischen Blase anfühlt.
Und was macht man mit der AfD?
Hier beginnt die schwierigere Frage.
Demokratische Parteien dürfen Rechtsextremismus nicht normalisieren.
Aber sie dürfen Millionen Menschen, die aus Protest, Überzeugung, Enttäuschung oder Wut rechts wählen, auch nicht so behandeln, als gehörten diese Menschen nicht mehr zur Gesellschaft.
Beides muss gleichzeitig möglich sein.
Der Grundsatz müsste deshalb lauten:
Menschen respektieren, Positionen prüfen, Grenzen verteidigen.
Wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft, Religion oder Identität abgewertet werden, wo demokratische Institutionen delegitimiert oder autoritäre Vorstellungen propagiert werden, muss der Widerspruch eindeutig sein.
Aber nicht jede Auseinandersetzung muss zur moralischen Endschlacht werden.
Denn permanente Empörung hat einen politischen Nebeneffekt.
Sie produziert Aufmerksamkeit.
Und sie kann jene Erzählung verstärken, von der populistische Bewegungen leben: Alle gegen uns.
Vielleicht wäre eine wirkungsvollere Strategie erstaunlich unspektakulär.
Eine falsche Behauptung wird korrigiert.
Eine demokratisch legitime Forderung wird diskutiert.
Eine menschenfeindliche Position wird zurückgewiesen.
Dann spricht man wieder über das eigentliche Problem.
Nicht die AfD müsste das Zentrum der eigenen politischen Identität bilden.
Die eigene Idee von Gesellschaft müsste es sein.
Nicht jedes Thema der Rechten ist ein rechtes Thema
Das gilt besonders für Migration.
Wenn Bürger über irreguläre Migration, Integration, Kriminalität, Schulen, Wohnraum oder kommunale Überforderung sprechen, darf eine demokratische Partei diese Themen nicht deshalb meiden, weil auch rechte Parteien darüber sprechen.
Das wäre die freiwillige Aufgabe politischer Räume.
Gleichzeitig darf sie nicht deren Sprache übernehmen.
Man kann irreguläre Migration begrenzen wollen, ohne Migranten abzuwerten, Integration einfordern, ohne Herkunft mit Charakter zu verwechseln, über Kriminalität sprechen, ohne ganze Gruppen unter Verdacht zu stellen, Menschen vor Verfolgung schützen und trotzdem anerkennen, dass Aufnahmefähigkeit Grenzen besitzt.
Demokratische Politik beweist sich nicht dadurch, schwierige Fragen zu vermeiden.
Sondern dadurch, schwierige Fragen ohne einfache Feindbilder beantworten zu können.
Die anderen Parteien wären Gegner, keine Feinde
Auch der demokratische Wettbewerb müsste sich verändern.
Parteien benötigen Unterschiede.
Aber Konkurrenten müssen keine Feinde sein.
Eine politische Bewegung könnte sich deshalb selbst Regeln geben.
Wenn eine andere Partei einen guten Vorschlag macht, stimmt man ihm zu. Wenn ein Minister etwas gut gemacht hat, sagt man es. Wenn ein politischer Gegner persönlich bedroht wird, verteidigt man ihn. Wenn man eine Wahl verliert, gratuliert man.
Und manchmal sagt ein Politiker öffentlich:
„In diesem Punkt hat die andere Seite recht.“
Vielleicht würde genau dieser Satz mehr Vertrauen erzeugen als hundert Wahlplakate.
Denn Bürger wissen längst, dass keine Partei in jeder Frage recht haben kann.
Nur Parteien tun manchmal so, als wäre es anders.
Kritik müsste zum Betriebssystem gehören
Eine Bewegung, die gesellschaftliche Beteiligung fordert, müsste sie intern selbst aushalten.
Mitglieder dürften nicht nur Plakate kleben und Wahlprogramme abnicken.
Sie müssten reale Möglichkeiten besitzen, Themen einzubringen und Entscheidungen zu verändern.
Digitale Plattformen könnten Vorschläge sammeln. Regionale Gruppen könnten unterschiedliche Lösungsmodelle ausprobieren. Mitglieder könnten zeitlich begrenzte Projektgruppen bilden.
Vor wichtigen Entscheidungen könnte eine interne Gruppe ausdrücklich den Auftrag erhalten, die eigene Position anzugreifen.
Was übersehen wir?
Wer verliert durch unseren Vorschlag?
Welche unbeabsichtigten Folgen könnte er haben?
Was würde unser stärkster politischer Gegner daran kritisieren?
Und könnte er damit recht haben?
Loyalität wäre dann nicht die Bereitschaft, der Führung nicht zu widersprechen.
Loyalität hieße:
eine schlechte Entscheidung verhindern zu wollen.
Macht müsste ein Verfallsdatum besitzen
Wer politische Macht bekommt, gewöhnt sich erstaunlich schnell daran.
Deshalb müsste eine Bewegung, die Selbstwirksamkeit verspricht, besonders skeptisch gegenüber ihrer eigenen Macht sein.
Führungspositionen könnten zeitlich begrenzt, Kandidatenaufstellungen transparenter und Funktionen regelmäßig neu bestätigt werden.
Nebentätigkeiten und finanzielle Interessen müssten leicht nachvollziehbar sein.
Auch politische Karrieren könnten anders gedacht werden.
Nicht automatisch: Jugendorganisation, Mitarbeiterstelle, Parteiapparat, Parlament.
Sondern Menschen aus Pflege, Handwerk, Wissenschaft, Bildung, Landwirtschaft, Kultur, Unternehmertum und Verwaltung.
Vielleicht braucht Politik weniger Menschen, die das politische System perfekt beherrschen.
Und mehr Menschen, die noch wissen, wie es sich von außen anfühlt.
Versprechen müssten überprüfbar werden
Vor einer Wahl veröffentlicht die Bewegung vielleicht zwanzig konkrete Vorhaben.
Nicht zweihundert Seiten.
Zwanzig Dinge.
Daneben entsteht ein öffentliches Register.
Umgesetzt, begonnen, verändert, gescheitert.
Und bei jedem gescheiterten Vorhaben steht eine Erklärung.
„Das haben wir versprochen.“
„Das ist daraus geworden.“
„Hier lagen wir falsch.“
„Daran ist es gescheitert.“
„Das versuchen wir jetzt.“
Kurzfristig wäre das politisch riskant.
Langfristig könnte daraus etwas entstehen, das keine Kommunikationsagentur produzieren kann:
Glaubwürdigkeit.
Und vielleicht lohnt sich an dieser Stelle ein größeres Gedankenexperiment.
Vision 2037
Nicht die Frage, welche bestehende Partei all das übernehmen könnte.
Sondern:
Wie würde eine politische Bewegung aussehen, wenn man sie heute vollkommen neu erfinden würde?
Nicht für die Bundesrepublik der achtziger Jahre.
Nicht für die politische Welt vor dem Internet.
Sondern für Europa im Jahr 2037.
Vielleicht würde sie gar nicht zuerst mit einem Parteiprogramm beginnen.
Vielleicht würde sie mit Orten beginnen.
Mit einem Bürgerraum in Kaiserslautern, einem ehemaligen Ladenlokal in Lille, einem Café in Krakau, einem Kulturzentrum in Barcelona und einem Treffpunkt in einer kleinen estnischen Gemeinde.
Die Räume sähen unterschiedlich aus.
Die Probleme wären unterschiedlich.
Und genau das wäre beabsichtigt.
Lokal handeln, europäisch verbinden
Denn nicht jedes Problem benötigt dieselbe politische Ebene.
Was eine Gemeinde selbst entscheiden kann, entscheidet die Gemeinde. Was eine Region besser lösen kann, bleibt dort. Was einen Staat betrifft, wird national entschieden.
Und erst dort, wo Probleme längst keine Grenzen mehr kennen, beginnt die gemeinsame europäische Ebene.
Klima kennt keine Schlagbäume, digitale Plattformen kennen sie nicht, Finanzmärkte nicht, künstliche Intelligenz nicht, organisierte Kriminalität nicht, globale Konzerne nicht und militärische Bedrohungen erst recht nicht.
Vielleicht müsste moderne Politik deshalb gleichzeitig kleiner und größer werden.
Lokaler dort, wo Nähe zählt. Europäischer dort, wo Größe notwendig ist.
Nicht alles nach oben verlagern.
Nicht alles national verteidigen.
Sondern immer fragen:
Auf welcher Ebene können Menschen dieses Problem tatsächlich wirksam lösen?
Eine Bewegung, die nicht überall dasselbe sagen muss
Das wäre für klassische Parteien ungewohnt.
Denn Parteien versuchen Geschlossenheit zu demonstrieren.
Doch warum müsste eine ländliche Region in Polen auf jede gesellschaftliche Frage dieselbe Antwort geben wie eine Großstadt in Spanien?
Warum sollte eine ehemalige Industrieregion in Frankreich dieselben Prioritäten besitzen wie eine Universitätsstadt in Deutschland?
Eine Bewegung des Jahres 2037 könnte Unterschiede ausdrücklich zulassen.
Verbunden wären ihre Mitglieder nicht dadurch, dass sie in jeder Sachfrage derselben Meinung sind.
Sondern durch einige gemeinsame Grundlagen: Menschenwürde, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, soziale Verantwortung, wissenschaftliche Vernunft, Nachhaltigkeit und die Begrenzung politischer Macht.
Über alles andere darf gestritten werden.
Vielleicht wäre gerade das ihre Identität.
Nicht Geschlossenheit.
Sondern die Fähigkeit, Unterschiedlichkeit auszuhalten.
Europa müsste wieder eine Erfahrung werden
Europa erscheint vielen Menschen als abstrakte Institution.
Brüssel, Verordnungen, Gipfeltreffen, Förderprogramme.
Dabei könnte Europa etwas vollkommen anderes sein.
Eine konkrete Erfahrung.
Ein Jugendlicher aus Deutschland arbeitet einige Wochen an einem Umweltprojekt in Portugal. Eine Bürgerinitiative aus Frankreich zeigt einer deutschen Gemeinde, wie sie ein ähnliches Verkehrsproblem gelöst hat. Schulen aus Polen und Spanien entwickeln gemeinsam ein Projekt. Bürgermeister tauschen digitale Lösungen aus. Pflegekräfte, Handwerker, Wissenschaftler oder Unternehmer arbeiten zeitweise in europäischen Projekten zusammen.
Europa würde nicht nur beschlossen.
Europa würde erlebt.
Und vielleicht würde dadurch eine Identität entstehen, die nationale Zugehörigkeit überhaupt nicht ersetzen muss.
Man kann Pfälzer, Bayer, Pole, Franzose, Spanier oder Estin sein.
Und Europäer.
Identität muss kein Nullsummenspiel sein.
Eine digitale Demokratieplattform
Die technologische Infrastruktur einer solchen Bewegung könnte erstmals ermöglichen, Beteiligung über Grenzen hinweg zu organisieren.
Ein Bürger meldet ein Problem.
Andere Regionen erkennen: Das haben wir auch.
Eine Stadt hat bereits eine Lösung ausprobiert.
Die Ergebnisse werden sichtbar.
Vielleicht zeigt eine Plattform irgendwann:
27.000 Menschen haben dieses Problem gemeldet, zwölf Kommunen testen unterschiedliche Lösungen, drei funktionieren besonders gut, fünf Regionen möchten sie übernehmen.
Plötzlich würde Europa nicht mehr bedeuten, dass Entscheidungen weit entfernt getroffen werden.
Europa würde bedeuten:
Wir müssen denselben Fehler nicht dreißigmal machen.
Wissen würde geteilt.
Lösungen ebenso.
Aber digital allein wäre nicht genug
Denn Demokratie darf nicht davon abhängen, wer den lautesten Account besitzt.
Digitale Beteiligung müsste deshalb immer mit realen Begegnungen verbunden werden.
Bürgerforen, lokale Abstimmungen, Versammlungen, Bürgerräte, Workshops, Vereine, Schulen und öffentliche Räume.
Vielleicht wäre das sogar ein wichtiges Prinzip dieser Vision:
digital organisieren, analog begegnen.
Denn politische Gemeinschaft entsteht nicht allein auf einem Bildschirm.
Menschen müssen einander sehen.
Besonders jene, die sich widersprechen.
Keine Revolution
Das Bemerkenswerteste an dieser Vision wäre vielleicht, wie unspektakulär sie ist.
Kein starker Mann.
Keine starke Frau, die verspricht, endlich aufzuräumen.
Keine Revolution.
Kein „Wir gegen die“.
Kein Versprechen, alle Antworten zu besitzen.
Stattdessen eine politische Organisation, die sich selbst zunehmend als Infrastruktur versteht.
Eine Infrastruktur, durch die Menschen gemeinsam handeln können.
Ihre Aufgabe bestünde nicht darin, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass die Partei recht hat.
Sondern möglichst viele Menschen wieder davon zu überzeugen, dass sie selbst etwas bewirken können.
Vielleicht wäre das noch eine Partei.
Vielleicht irgendwann etwas, für das uns der passende Begriff fehlt.
Die stärkste Kampagne hätte nur einen Satz
Man stelle sich vor, diese Bewegung würde tatsächlich entstehen.
Zunächst klein.
Einige Städte.
Einige Gemeinden.
Vielleicht mehrere europäische Länder gleichzeitig.
Menschen mit vollkommen unterschiedlichen Biografien würden sich beteiligen.
Nicht weil sie in allen Fragen derselben Meinung wären.
Sondern weil sie eine gemeinsame Überzeugung teilen:
Dass Demokratie mehr ist als eine Wahl, Europa mehr als ein Markt und Politik mehr als die Verwaltung der nächsten Krise.
Dann bräuchte diese Bewegung vielleicht keine besonders komplizierte Kampagne.
Keine Heilsversprechen.
Keine Angstkampagne.
Vielleicht nur einen Satz:
„Was möchtest du verändern?“
Und darunter:
„Fangen wir an.“
Die vielleicht schwierigste Veränderung
Am Ende müsste eine solche politische Bewegung etwas tun, das Parteien besonders schwerfällt.
Sie müsste aufhören, sich selbst für die Lösung zu halten.
Keine Partei wird Deutschland retten.
Keine Partei wird Europa retten.
Kein Bundeskanzler, keine Präsidentin und kein Parteivorsitzender wird gesellschaftliche Ohnmacht beseitigen.
Das kann Politik überhaupt nicht allein leisten.
Aber Politik kann Bedingungen schaffen, unter denen Menschen wieder erleben, dass Beteiligung Folgen hat.
Vielleicht wäre deshalb der wichtigste Satz einer solchen Bewegung nicht:
„Wir machen das für euch.“
Sondern:
„Macht es mit uns.“
Denn die Antwort auf gesellschaftliche Ohnmacht ist nicht eine immer stärkere Führung.
Es ist eine stärkere Gesellschaft.
Eine Gesellschaft, die wieder streiten kann, ohne sich zu verachten, die Probleme benennen kann, ohne Menschen zu Feinden zu erklären, die Fehler korrigieren kann, ohne darin Schwäche zu sehen, und die Europa nicht als Entfernung erlebt, sondern als Erweiterung ihrer eigenen Möglichkeiten.
Die ersten beiden Teile dieser Reihe begannen mit einem Menschen, der vor einer Welt steht, die ihm zunehmend unkontrollierbar erscheint.
Vielleicht endet der dritte deshalb mit einer anderen Vorstellung.
Nicht mit einem Menschen, der darauf wartet, dass Politik seine Probleme löst.
Sondern mit einem Menschen, der eine Tür öffnet, einen Raum betritt und dort andere Menschen trifft, die ebenfalls etwas verändern möchten.
Auf dem Tisch liegt kein fertiges Programm.
Dort liegt ein leeres Blatt Papier.
Darüber steht eine Frage:
Was können wir gemeinsam tun?
Vielleicht beginnt Politik genau dort wieder, wo sie irgendwann verloren gegangen ist.
Beim Menschen.
Und aus diesem Menschen könnte wieder ein Bürger werden.
Aus Bürgern eine Bewegung.
Und aus dieser Bewegung vielleicht eine Vision für 2037.


